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Rauchbach | Kindheit und Jugend (1974 - 1994)

Kindheit als Naturerfahrungen

Meine Kindheit war geprägt von intensivem Naturerleben im Harz; meine Eltern waren als Beamte in Osterrode am Harz tätig, meine Mutter als Lehrerin und mein Vater als Raumplaner, und so waren wir täglich in rauschenden Flüssen am "Staumauer bauen", lange Wanderungen auf hohe Berge, Waldspiele und Feuer machen gehörten zu den Urerfahrungen, die mein Weltbild prägten.

Das christliche Herz

Meine Mutter kam aus einer streng katholischen Bergbaufamilie, die in Dortmund lebten und die Großfamilie mit mehr als einem Dutzend Onkels und Tanten als ihre Heimat pflegten. Ihre Talente im Klavier spielen wurden gefördert, doch sie war ein Mädchen, und Mädchen galten nicht in gleicher Weise wie Jungs, denn das Leben war hart in der Grube und nur Jungs konnten dem Stand halten. Um dem Grubenschicksal mit langen Tagen, schweren Krankheiten und einem frühen Tod zu entgehen, studierten sowohl mein Onkel als auch meine Mutter Lehramt und wurden beide ausgezeichnete Lehrer. Sie hatten beide diese Strenge und Deutlichkeit, die sich bildet, wenn Menschen einem harten Alltag ausgesetzt sind. Meine Mutter spezialisierte sich später auf die Sonderschule, da sie beobachtete, wie Kinder in besonderen Lebenslagen gefördert werden konnten - denn sie selbst hatte auch eine besondere Lebenslage erfahren; sie war sehr früh bereits als ein ausgeprägtes Klaviertalent bekannt und ihre Klavierlehrer sagten ihr eine glänzende Karriere als Konzertpianistin voraus. Einzig ihre Sensibilität im Umgang mit dem Publikum macht ihr Schwierigkeiten, denn sie konnte nicht abschalten und so durchwachte sie die Nächte vor ihren Konzerten bis ihre Konstitution versagte. Sie musste ihre Konzerttätigkeit aufgeben und sich ganz der Schule hingeben. Auch hier konnte sie schließlich das richtige Maß nicht finden, ihre Tätigkeit fraß sie auf, sie konnte  nicht die richtige Distanz zu ihren Zöglingen aufbauen, schlief schlecht und machte sich zu viele Gedanken über Probleme, die sie nicht lösen konnte. Ihr Engagement ging über ihre Aufgabe hinaus und so verbrannte sie recht früh ihre ganze Kraft - und ich durfte mit ansehen, und schließlich 20 Jahre erleben, wie wichtig es ist, so zu arbeiten und sein eigenes Engagement so zu modellieren, dass es im richtigen Verhältnis zur Aufgabe, zu den eigenen Kräften und zur gestellten Verantwortung steht.

Die zupackende Tat

Mein Vater trat zunächst in die Fußstapfen seines Vaters und war als Raumplaner im öffentlichen Dienst tätig. Seine Art, Aufgaben zu erkennen und zu ergreifen ließ eine neu geschaffene Stelle in wenigen Jahren auf eine mittelgroße Abteilung anwachsen die sich mit der Wasser- und Verkehrsorganisation im Harz befasste. Schließlich waren sich meine Eltern einig, dass ihre beiden Kinder eine Waldorfschule besuchen sollten, und so endete die romantische Zeit in den Harzer Wäldern und meine Ursprungsfamilie zog in eine stickige Dachgeschosswohnung in Hannover Döhren. Jeden Morgen ging es fortan mit dem Fahrrad, einigen Klassenkameraden und unter der Aufsicht meines Vaters - der als Geschäftsführer in der Schule tätig war, die wir besuchten - durch den hannoverschen Stadtwald zu einer großen Schule, die direkt am Maschsee in Hannover lag. Von einem großzügigen Schulgarten mit zahlreichen Grünanlagen, Spielplätzen und Schuleinrichtungen umgeben lagen vier große Schulgebäude um einen gigantischen Schulhof, der mit Eichen, Ahorn- und Pappelbäumen, Birken und Haselnussbüschen bepflanzt war. Eine Aula, zahlreiche Musik- und Tanzstudios, Werkstätten und eine große Sportanlage mit Schwimmbad füllt die Anlage aus, die für 12 Jahre meine zweite Heimat werden sollte. Nichts hielt uns zuhause, denn diese Schule war das Beste, was meinem Bruder und mir wiederfahren konnte.

Hier lernten wir früh, dass nur zählt, was gestaltet werden konnte. An mehreren Nachmittagen pro Woche hatten wir Musikunterricht, ich lernte schnell die Geige zu beherrschen und so gab es ein Quartett, ein Unterstufen-, Mittelstufen- und Oberstufenorchester, in dem man mitspielen konnte, eine Faschingsband, verschiedene Chöre und Konzertprojekte, so dass neben dem täglichen Üben von Fingerfertigkeit, Etüden und Solistenkonzerten ein vielfältiger Team- und Gemeinschaftsgeist mein Leben bestimmte. An dem allgemeinen Schulunterricht hatte ich mäßiges Interesse, meine innere Haltung dazu glich eher der meiner Mutter, ich schaute unbewusst alles, was der Lehrer tat, nicht aus meiner Perspektive an sondern aus der Perspektive des Lehrers. Ich lebte in dem Lehrer-Selbstkonzept meiner Mutter und schaute unbewusst durch die Brille der Lehrerin, auf die Abläufe und Inhalte. Ich vergas vollkommen, meine Pflichten als Schüler wahrzunehmen, so sehr war ich in dem Lehrerkonzept gefangen. Ich dachte immer wieder, dass ich mich nicht beteiligen sollte im Unterricht, um den anderen, die ja als Schüler dasaßen, die Möglichkeit der Beteiligung nicht wegzunehmen. Als mir in der 11. Klasse gesagt wurde, ich müsse mich aktiv beteiligen, um einen Abschluss zu erreichen, dachte ich nur: Ok. Wenn der Lehrer bereit ist, die Konsequenzen zu tragen, bitte, dann beteilige ich mich. Ich meldete mich fortan in den letzten 2 Jahren minütlich und nutzte die Redezeit voll aus, ja ich strapazierte meine Mitschüler mit meinem Redefluss und so rettete ich mich vor einem glanzlosen Abgang. Ich musste das Gebot brechen, das mir als heilig in die Wiege gelegt wurde, den anderen den Vortritt zu lassen, mich zurück zu nehmen, für meine Mitmenschen den Raum zu öffnen und nur dann etwas beizutragen, wenn eine wirklich deutliche Frage an mich gerichtet wurde.   

Die Sicherheit in der natürlichen Grundlage

In der Schule verbanden sich die beiden großen Vater- und Muttermuster, die meinen Lebensweg prägen sollten. Das Künstlerische meiner Mutter zeigte sich in meiner Leidenschaft, Geige zu spielen, mir das Klavier- und Akkordeonspielen selbst beizubringen oder ausgiebig zu malen. Meine Bilder wurden regelmäßig als vorbildlich prämiert und den Englischunterricht - meine große Schwäche - nutzte ich, um englische Texte zu vertonen, oder englische Lieder mit einer Begleitung und 2. Stimme auszustatten. Das Unternehmerische meines Vaters zeigte sich in einem unstillbaren Tatendrang, der schließlich dazu führte, mich frühzeitig gegen die Intellektualisierung zu wenden, das Abitur zu meiden und Landwirtschaft zu lernen. Ich hatte in den letzten Jahren vor dem Ende der Schule bereits jeden Urlaub dafür genutzt, in der Landwirtschaft zu sein und mir ein Selbstbewusstsein zu erwerben, das davon ausging, dass - wenn alle anderen Fähigkeiten versagen würde - ich immer noch die Möglichkeit hätte, meinen Lebensunterhalt mit dem Melken von Kühen, der Acker- und Viehwirtschaft bewältigen zu können. Ich liebte es, mit Tieren zusammen zu sein, die Rundumversorgung für die Schweine, Kälber, Kühe zu verantworten oder in der Käserei die Milch zu verarbeiten. Schließlich schmiss ich die Schule hin und suchte mir einen Lehrplatz auf einem großen Betrieb nahe Hamburg. Als einer von drei Lehrlingen lernte ich als erstes von den Landwirtssöhnen, wie man die Väter betrügt und wie man Arbeit vortäuschen kann, um Zeit für Kaffee und Rauchen zu bekommen. Ich wunderte mich über so viel Unverschämtheit und nutzte jede die freie Zeit lieber, um bei den Tieren zu sein, sie zu beobachten und das Geheimnis des Lebens zu erkunden. In den gemeinsamen Lehrstunden mit meinem Chef wollte ich schließlich dem Lebensplan vollends auf den Grund gehen. Ich wollte in Erfahrung bringen, warum die Pflanzen wachsen, was das geschäftliche Geheimnis der Landwirtschaft sei und warum die Milchqualität diese und jene Zusammensetzung zeigte. Doch mein Chef hatte wenig Interesse an diesen Fragen, er meinte, es wäre wichtiger, dass ich das vorgegebene Arbeitspensum schaffe, und er begann, über die zentralen Fragen des Lebens einen türkischen Basar zu eröffnen. Wenn ich mehr als 9 Fässer Gülle am Vormittag verteilt bekäme, dann würde er mit mir über meine Fragen verhandeln, und er wusste genau, dass das mit den vorhandenen PS und der Wegequalität nur unter erhöhter Belastung der Schleppertechnik möglich sei. Ich jedenfalls war nicht einverstanden, dass die Grenzen meines Erkennens abhängig sein sollten von der Infrastruktur eines Betriebes, den ich nicht geschaffen hatte und begann sofort, mir einen alternativen Lehrplatz zu suchen.

Nach langem Suchen und einer Kündigung meines Lehrplatzes in Hamburg Volksdorf begegnete ich einem alten Bauern, der auf einem großen Lehrbetrieb nahe Bad Vilbel den Garten bewirtschaftete. Er verriet mir während eines goetheanistischen Landwirtschaftskurses, dass meine Fragen auf dem von mir eigeschlagenen Wege nicht beantwortet werden würden. Ich würde weder einen Bauern noch einen Gärtner oder einen Tierzüchter finden, der mir die gestellten Fragen beantworten könnte, da diese Fragen schlicht unergründet seien. Interessant war, dass er die Größe hatte, dies offen einzugestehen, hatten doch alle anderen Gesprächspartner nie offen gesagt, dass ihnen die Fragen zu weit gingen und sie bisher keine Antworten dazu gefunden hätten. Er war der erste, der mir offen zeigte, dass die Fragen so nicht gestellt und beantwortet werden, wie ich sie stellte. Innerhalb von Stunden brach in mir die schöne neue Welt als Nachhaltigkeits-Landwirt zusammen, die ich mir errichtet hatte und deren Gestaltung vor meinem inneren Auge stand. Bereits am nächsten Tag war mir klar, dass es zwecklos war, auf dem eigeschlagenen Weg weiter zu gehen, denn meine Fragen würden auf diesem Weg keine Erfüllung. Und ohne das Wissen, warum eine Pflanze wächst oder warum eine Kuh eine bestimmte Qualität von Milch produziert erschien es mir sinnlos, das angestrebte Geschäft aufzubauen.

Hier zeigte sich zum ersten Mal meine tiefgreifende Erkenntnissehnsucht, ohne die mir die Gestaltung eines Geschäftes unmöglich erschien. Wie sollte man vom Pflanzenwachstum leben, wenn man seine Grundbedingungen nicht kannte und diese Bedingungen nicht gestalten konnte? Wie sollte man mit Kühen zusammen arbeiten, wenn man ihre inneren Bedingungen nicht verstand und tierischen Veränderungen ausgeliefert war, ohne dass man die Faktoren verstand auf denen die Milchproduktion aufgebaut wurde? Meinen Lehrlingskollegen und meinen freundschaftlich verbundenen Vorbildern auf zahlreichen Höfen, auf denen ich gearbeitet hatte, genügte es offenbar, dass die Kuh Milch gab und dass die Pflanzen wuchsen, wenn sie genügend Wasser, Stickstoff und Mineralien bekamen. Warum das so war und was zu tun sei, wenn Abweichungen auftraten, diese Frage wurde an die Agrochemie oder an die Universitäten verlagert, an denen jedoch auch nur fadenscheinige Antworten gefunden wurden. Mit diesem geringen Verständnis einer Geschäftskonzeption konnte ich nicht einverstanden sein.

Ich braucht mehr Tiefe, mehr Weite und mehr Konkretisierung, um mir SICHER ZU SEIN dass ich mein Geschäftsfeld auch beherrschen würde. Mit meinen Fragen stürzte ich zunächst in eine bodenlose Tiefe, in der ich nur Halt fand, wenn ich malte.

(12.7.2016)

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