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Rauchbach | Die Jahre in Berlin (1995 - 1996)

Der schöpferische Prozess

Ich befasste mich in dieser Leere mit dem einzigen, was mir blieb. Mit dem Gestaltungsprozess an sich und wie er sich an der Kunst zeigte. Die Landwirtschaft fiel als Berufswunsch erst einmal aus und so stand ich vor den Trümmern, welche die gesellschaftlichen Illusionen in meinem Leben auftürmten. In dieser Zeit begegnete mir Joseph Beuys durch Biografien und künstlerische Werke und ich versuchte mich darin, vorhandene Stoffe in Installationen neu zu gestalten und diese im öffentlichen Leben zu platzieren. Ich erfand einen völlig neuen Gestaltungsraum und bemerkte erst im Nachhinein, wieviel Irritationen davon ausgingen, dass ich einen Kunstbegriff einfach umsetzte ohne ihn genau zu kennen. Ich testete eine Idee an ihrem Produkt und bemerkte, je unbekannter das Medium desto größer die Irritation und das Unvermögen der Menschen, das Produkt aufzunehmen. Und so beschloss ich, die Irritationen zu reduzieren, mich selbst besser in die Gesellschaft zu integrieren und als Medium schlicht die Malerei zu wählen. Ich sah ein, dass es nützlich für meine Fragen und Ideen sei, sie in einem bekannten Medium zu formulieren, das die Menschen leicht aufnehmen konnten. Und so beschloss ich, einen künstlerischen Weg zu gehen und diesen mit Malerei zu beginnen. Ich lernte zudem die "Kunst in sozialen Arbeitsfeldern" kennen, wie sie als "Kulturpädagogik" an zwei deutschen Hochschulen gelehrt wurde. Dieses Berufsbild faszinierte mich und das Bild entstand in mir, dass der schöpferische Prozess an sich als berufliches Instrument taugte, um Menschen einen höheren Begriff vom Selbst und eine wirksamere Handlungskompetenz zu vermitteln. Ich testete diese Idee und verfolgte die Vorschläge meiner Eltern, meine pädagogischen und Begabungen im Umgang mit Menschen zu nutzen. Ich machte einige Praktika in Camphill-Dörfern um zu entdecken, dass mir die jeden Tag gleiche Gestaltung des Lebens - die für Menschen mit seelischem und geistigem Unterstützungsbedarf so wichtig sind - wie ein Dauerschlaf erschien, der meinem hochwachsamen Lebensstil komplementär entgegen stand. Ich kehrte zurück in mein spartanisches Atelier und beschloss, nach Berlin zu gehen, um dort Malerei zu studieren.

In Berlin tauchte ich in die zweidimensionale Welt der Farbe ein. Ich erlebte ein Malervorbild, das mich durch seine Zurückhaltung und Stille beeindruckte. Er gehörte zu einer Generation von Malern, welche in der überschäumenden Kreativität einer Vorbildergeneration aufgewachsen war, in der es sehr schwer gewesen sein muss, den eigenen Malstil und das eigene Werk zu erfinden. Er nahm sich extrem stark zurück, er zeigte kaum etwas von sich, er wies nur an, wie vorzugehen sei und überließ die 20 Frauen und mich dann ihrem eigenen Schaffen. Erst ganz zum Schluss, als ich nach 18 Monaten Berlin verlassen wollte, griff er selbst mal zum Pinsel und malte vor, wie er sich unser Schaffen vorzustellen pflegte. Ich empfand diese Vorgestaltungsprozedur als sehr heilsam, gab sie mir doch Anhaltspunkte über seine innere Haltung beim Malen, über Pinselführung, Farbzusammensetzung und Malgrundbearbeitung. An meinem Entschluss, Berlin in Richtung Alfter (bei Bonn) zu verlassen, um dort ein Diplom als Kulturpädagoge zu erwerben, änderte sie jedoch nichts.

Die Symbole der Persönlichkeit

Berlin war für mich eine Offenbarung menschlicher Gestaltungspotenz. Ich durchwanderte in den müden Phasen, am Nachmittag, die Berliner Alleen zu Fuß oder bemaß das Verhältnis der Stadtteile mit dem Fahrrad. Vor allem Nachts, wenn wenig los war auf den Straßen fuhr ich durch die Stadt und bewunderte die Zeitgeschichte, die sich in den Baudenkmälern ausdrückte. Ich hatte viele innere Bilder von den Straßen und Plätzen, vor allem Steglitz und Zehlendorf, Mitte und Tiergarten, Kreuzberg und Friedrichshain waren für mich Innen-Außen-Erlebnisse, die ich aneinander abzugleichen  suchte. Vor allem das große Loch am Potsdamer Platz faszinierte mich. Dort wurde gebaut, zehn Stockwerke unter der Erde, im Wasser wurde betoniert und jede Woche änderte sich das Straßennetzt, das dort hindurch führte. Später bemerkte ich, wie mir der Potsdamer Platz fehlte. Doch so, wie er heute aufgebaut wurde, erschien er mir wenig authentisch. Und so modellierte ich meine Persönlichkeit an dem Straßen- und Gesellschaftsbild in Berlin und entdeckte die unendlichen Gestaltungsmöglichkeiten des Menschlichen Geistes. Schließlich erlebte ich noch einen Monat der Vibrationen am verhüllten Reichstag, der mir bis dahin kaum aufgefallen war. Etwas ungläubig stand ich vor der Aktionismus-Größe, die mir von Christo entgegen schlug. Er ließ einfach so gigantische Stahlgerüste schweißen, die er dann mit riesigen Kränen über den Reichstag stülpte, um dann ein eigentümliches Material wie einen Mantel darüber zu kleiden. Mit Felsenkletterern, die sich von oben an den Fassaden abseilten, ordnete er die Ästhetik der Bahnen und wir saßen beobachtend auf dem Rasen und verfolgten jeden Schritt, jede kleine Aktion, die er mit viel Ruhe und Gelassenheit auszuführen schien. Schließlich wurde die gigantische Verkleidung, die ohne eine einzige Schraube auszukommen schien, angestrahlt und beleuchtet und ab diesem Moment war für mich der Reichstag ein lebendiges Wesen. Tag für Tag, Abend für Abend, Sonnenuntergang für Sonnenuntergang und Sonnenaufgang für Sonnenaufgang dauerte dieses riesige Event, das uns vollkommen in seinen Bann zog. Es war die studienfreie Zeit, in der wir jede Muße hatten, mitzugehen und mit zu genießen, was Hundertausende von Besuchern und unzählige Ordner und Polizisten dort gemeinsam veranstalteten. Es war ein Gestaltungsereignis ohne jeden Sinn und Verstand, dass an sich so viel Erfahrungsraum öffnete, wie kaum ein anderes Event, das ich in Berlin erlebte. Diese Zweckfreiheit und zugleich diese Erfahrungsoffenheit, die es in seinen Besuchern auslöste, war für mich faszinierend und erschütternd zugleich. Brauchte es wirklich so einen gigantischen Aufwand, um diesen zerbrechlichen Innenraum im Menschen zu öffnen? Brauchte es wirklich vier Megakräne, dutzende von Hebebühnen, Fahrzeuge und hunderte von Kletterern, Ordnern, Polizisten und Wachleuten, um mit der verhüllten Lebendigkeit des Reichstages Erfahrungsräume im Innern des Menschen zu öffnen, über die dann auf der grünen Wiese gesprochen wurde? Ich empfand es als freundschaftlichen Akt, den Christo dort mit den Menschen teilte. Viele Menschen empfanden so. Und viele waren geradezu schockiert, als dann am Ende des letzten Tages die silbernen Stoff-Bahnen fielen und das rohe Gestein des Zweckbaus wieder zum Vorschein kam.

Anders als die magische Zeit der Reichstagsverhüllung erschien die Stadt Berlin mit ihren monumentalen Bauwerken, Museen, Denkmälern und Zweckbauen eher als ein gigantische Versuch, die Innenwelt des Menschen zu berühren oder zu beeindrucken, ohne dass dies in der Fülle der Eindrücke tatsächlich gelingen konnte. Die Beeinflussbarkeit des Menschen von Außen, aus dem Umkreis, über die Bauten und Baudenkmäler erschien mir als die letzte Möglichkeit, der jedoch zahlreiche andere Möglichkeiten vorgelagert waren. Berlin hatte etwas zerstreuendes, es belebendes aber auch verzehrendes, je nachdem, in welcher Lebensphase und unter welchem Vorwand man die Alleen durchwanderte oder durchfuhr. Wirklich lebendig wurde es nur im Lichte seiner Geschichte oder im Kontext kollektiver Hysterie. Für den Einzelmenschen hielt es wenig wirkliche Qualität bereit, lediglich einige Fundamental-Symbolik, die einem helfen kann, das Verhältnis der eigenen Persönlichkeitsanteile zu reflektieren oder neu zu ordnen. In diesem Sinne verlies ich Berlin nach 18 Monaten, nicht ohne das Verlangen, die gemachten Erfahrungen zu konservieren und irgendwann durch eine Fortsetzung zur Reife zu bringen. 

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