*
Rauchbach | Studienzeit im Rheinland (1996 - 1999)

Studienzeit im Rheinland

In Alfter (bei Bonn) erwachte ich aus den Berliner Illusionen einer großen Welt mit einer kleinen Persönlichkeit und tauchte vollbewusst in die Selbstverwirklichungsbestrebungen des modernen Künstlers ein. Über eine Begabtenprüfung fand ich Zutritt zu einer Hochschule und war erstaunt und erschüttert von den Fragen die dort gestellt wurden. Immer wieder wurde ich gefragt, ob ich dies oder das so gestalten wollte. Ich verstand diese Frage nicht wirklich. In welchem Teil meines Ich sollte denn das Gestaltungskriterium liegen für eine bestimmte Gestaltung? Ergab sich die Gestaltung nicht aus den Notwendigkeiten der Farbe? Gab es nicht kompositorische und ästhetische Dynamiken, die des oder jenes nach sich zogen? Ich ging von einem Motiv aus, das ich selbstverständlich SELBST gewählt hatte, das dann jedoch seine eigene Dynamik entfaltete der ich folgen wollte. Das Thema meiner Wahl war doch wohl das Gestaltungskriterium, dem ich folgte? So empfand ich es und die ewige Frage, ob ICH DIES SO WOLLE erschien mir wie eine große Illusion übersteigerter Selbstdeutungszuschreibung. Mein Wille geschehe - so wurde es mir hier und dort - nicht von allen, jedoch von vielen Zeitgenossen, vorgebetet. Auch hier begegneten mir wie in Berlin jene Vorbilder, die selbst von ihren Vorbildern dominiert und fremdbestimmt wurden, und die erst in einer Zeit der Rebellion ihren eigenen Weg finden wollten. Sie waren sehr vorsichtig mit dem, was sie sagten, was sie vorgaben und vorlebten. Diese Vorsicht tat mir gut und gab mir den Raum, mich abzugrenzen von der SELBSTDEUTUNGSZUSCHREIBUNG, die in jeder ästhetischen Betrachtung lebte.

In Alfter waren für mich mehrere Schlüssel zu meinem heutigen Leben vergraben. Einer der wesentlichen war die Begegnung mit Mario Betti, welcher mir Rat gab in eine Richtung, zu der ich bis dahin wenig gehört hatte. Er ermunterte mich, meine meditativen Übungen zu vertiefen und zu verfeinern und die Imaginationen, von denen ich sprach, ernst zu nehmen und sie als Sprache des Geistes zu pflegen. Er war - neben dem Vater meiner ersten Freundin, einem anthroposophischen Arzt aus Karlsruhe - der erste, der mir das Vertrauen aussprach, dass die Innenwelterfahrung einen Wirklichkeitsgehalt habe, der sich mit dem erkannten Bewusstseinsinhalt an den Praxiserfahrungen des Alltags abgleichen und damit zur Sicherheit erheben lasse. Die regelmäßigen Vorlesungen über Anthroposophie, die persönlichen Gespräche - die nicht nur ich sondern auch Herr Betti als nährend empfand - und die Erfahrungen, die sich daran anknüpften, waren das Salz in der ästhetischen Kost der Hochschule.

Neben dem Malereiunterricht bei drei sehr verschiedenen Dozenten - einem auf mich eher analytisch-kindlich wirkenden Andreas Reichel, einem auf mich seelisch-freilassend wirkenden, teils provokanten und sich selbst nicht so ernst nehmenden Uwe Battenberg und einem dritten, einem Fundamentalisten, der so sehr mit sich im Kampf und im Widerspruch war, dass weder sein Anliegen noch sein Name bei mir einen Eindruck hinterließen - beeindruckte mich vor allem das Studium der Kulturpädagogik. So großartige Vorstellungen ich vom Wirkungsgrad dieses Berufes hatte, so simpel schienen die Übungen und Methoden, derer er sich bediente. Es wurde nicht viel mehr unterrichtet als eine Pädagogik für Erwachsene und Senioren, verbunden mit Praxiseinblicke in die Arbeit und zahlreichen bildungspolitischen Theorien aus der anthroposophischen Erwachsenenbildung. Mir fehlten - ohne dass ich es direkt so formulieren konnte - eine kultur-agogische Theorie, welche genau besagen wollte, welches Mittel für welchen Wirkungsgrad eingesetzt werden könnte. Das Berufsbild war so wenig entwickelt, dass dazu schlicht weder Studien noch Vergleiche vorlagen. Das gesamte Studienkonzept befand sich erst seit wenigen Jahrzehnten in der Entwicklung. Den bestimmenden Kopf dieser Entwicklung - Dr. Michael Brater - sollte ich wenig später kennenlernen, als er die Qualitätsentwicklung der gesamten Hochschule anleitete. Als Vertreter für Studenteninteressen  und als Organisator zahlreicher Studenteninitiativen hatte ich Zugang zu den Organen der selbstverwalteten Hochschule und die Ehre, an den Workshops für die interne Qualitätsarbeit teilzunehmen. Hier begegnete mir eines der wichtigsten Instrumente für mein gesamtes Leben, gelebte Anthroposophie in Form eines Verfahrens, das in sich zahlreiche Strukturphänomenologien der Anthroposophie Rudolf Steiners verwirklichte. Für mich war das GAB-Verfahren zur Qualitätsentwicklung das zentrale Projektentwicklungsinstrument, auf dessen Basis ich seit dieser Zeit alle meine unternehmerischen Konzepte aufbaute. Doch die Umsetzung an der Hochschule erschien mir wenig später suboptimal. Ich sprach meine Bedenken offen aus und verbaute mir damit viele Chancen.  Denn auch hier war der menschliche Stolz die wesentliche Barriere für die persönliche und gemeinsame Entwicklung der Organisation. Das GAB-Verfahren wurde damals noch sehr kollektiv-fokussiert ausgeführt, das änderte sich in den Jahren danach; doch bewirkte diese Kollektiv-Fokussierung eine Lähmung der individuellen Motivationskräfte, denn sowohl das Leitbild, als auch die Handlungsleitlinien bis hin zu den Prüfungsmerkmalen hätten nicht nur einen kollektiven, sondern auch einen fachspezischen und einen individuellen Ausdruck gebraucht, der nicht nur eine abstrakte sondern auch eine ästhetische Formulierung benötigt hätte. Das war für mich unmittelbar wahrnehmbar, es ergab sich aus den Phänomenen ermüdender Sitzungen mit demotivierten Dozenten, die weder ihre ästhetischen Projekte noch ihre individuelle begriffliche Produktion als Ausdruck gemeinsamer Qualitätsarbeit gewertschätzt sahen, sondern lediglich ihre Zustimmung zu einem eher populistisch angehauchten Leitbild, das so sehr vereinfacht werden sollte, dass es auch der ungebildete potenzielle Kunde verstehen könnte. So zog der Geist formeller Konsequenz in diese Hochschule ein und führte über die folgenden Jahre zu ihrer strukturellen Anerkennung im Staate, zu Bachelor- und Masterstudiengängen und zum Engagement potenzstarker Investoren, welche die jugendlichen Schwächen ihrer 30-jährigen Geschichte abschüttelten.

Ich selbst verließ die Alanus Hochschule mit 25 Jahren, nicht ohne den Versuch, zwischen Gründungsdozenten und aktuell Aktiven zu vermitteln, soziale Spannungen abzubauen und meine Mediationskompetenzen anzuwenden, was mich beinahe in einen Rechtsstreit verwickelte. Ich widerstand auch dem Wunsch einiger Dozenten, an der Hochschule zu bleiben und mich für deren Überleben stark zu machen. Ich schloss meine aktive Zeit ab mit einer Diplomarbeit, in der ich mir einen begrifflichen Übergang von der Kunst zur sozialen Kunst kreierte, deren Vortrag zahlreiche Zuhörer vor allem aus den Reihen der Dozenten fand. Meinen künstlerischen Abschluss setzte ich aus einem ästhetischen Alphabet der Bildekräfte der Rose zusammen, welche ich in syrrealen, expressionistischen Kompositionen auftrug. Doch diese Bilder lösten sowohl beim Fachpublikum als auch bei meinen Mitstudenten nur Kopfschütteln und Unverständnis aus, war doch ihre Gefühlslage widersprüchlich, Komplementäres integrierend und mit dem naiven Gefühl von Sympathie niemals zu erfassen. So wenig mein künstlerischer Abschluss eine Resonanz in meinen Mitmenschen auslöste, so stark war doch der Nachklang, der auf meine begriffliche Arbeit folgte. 

Benutzername:
User-Login
Ihr E-Mail